Eine Trachealkanüle kann entfernt werden, wenn die Ärztin oder der Arzt festgestellt hat: Atmung, Schlucken und Husten funktionieren ohne Kanüle sicher. Diesen Schritt nennt man Dekanülierung. Für Betroffene und Angehörige ist er ein großer Schritt. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, und wie läuft dieser Prozess ab?
Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Voraussetzungen: Eine Dekanülierung ist möglich, wenn Atmung, Schlucken, Husten und die Sekretbewältigung ohne Kanüle sicher funktionieren.
- Ärztliche Entscheidung: Ob die Kanüle entfernt werden darf, entscheidet ausschließlich eine Ärztin oder ein Arzt, niemals der Pflegedienst oder Angehörige.
- Schrittweiser Prozess: Die Entwöhnung erfolgt in mehreren Schritten, zum Beispiel Entblocken, Sprechventil und zeitweises Verschließen.
- Regelmäßige Prüfungen: Bei Menschen in der außerklinischen Intensivpflege wird in der Regel mindestens alle 6 Monate geprüft, ob ein Entwöhnungsversuch möglich ist. Diese Prüfung heißt Potenzialerhebung.
Welches sind die vier Voraussetzungen für eine Dekanülierung?
Ein einzelnes positives Signal reicht für die Entfernung der Kanüle nicht aus. Das Ärzteteam beurteilt immer das Gesamtbild aus vier wesentlichen Faktoren:
- Ausreichende Eigenatmung: Die betroffene Person braucht keine Beatmung mehr über die Kanüle und atmet ausreichend selbst.
- Sicheres Schlucken: Speichel muss problemlos geschluckt werden können, ohne dass er in die Luftröhre gerät (Aspiration). Bei Unsicherheiten oder einer Schluckstörung wird oft eine FEES-Untersuchung durchgeführt. Das ist eine Schluckuntersuchung mit einem dünnen, biegsamen Endoskop.
- Effektiver Hustenreflex: Der Körper muss in der Lage sein, Bronchialschleim (Sekret) eigenständig abzuhusten und zu bewältigen.
- Ausreichende Wachheit und Schutzreflexe: Die Person muss aufmerksam genug sein, damit die körpereigenen Reflexe das Verschlucken von Nahrung oder Speichel verhindern.
Hinweis: Der aktuelle Zustand zählt. Auch wenn eine Trachealkanüle lange getragen wurde, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie für immer bleiben muss.
Wie läuft eine Dekanülierung typischerweise ab?
Eine Trachealkanüle wird fast nie spontan entfernt. Aus Sicherheitsgründen erfolgt die Entwöhnung Schritt für Schritt. Während des gesamten Prozesses überwachen Pflegefachkräfte die Vitalwerte (Sauerstoffsättigung, Puls, Atemfrequenz). Sie achten auf Warnzeichen wie Atemnot, kalten Schweiß oder ein pfeifendes Geräusch beim Einatmen (Stridor).
| Schritt | Maßnahme | Ziel & Beobachtung |
| 1. Cuff entblocken | Die mit Luft gefüllte Manschette (Cuff) an der Kanüle wird entlüftet. | Überprüfung, ob Luft an der Kanüle vorbei durch die natürlichen Atemwege strömt. |
| 2. Sprechventil | Ein Aufsatz sorgt dafür, dass die Ausatmung über Mund und Nase erfolgt. | Ermöglicht die Stimmbildung und testet die Durchgängigkeit der oberen Atemwege. |
| 3. Verschließen | Die Kanüle wird mit einer Kappe zeitweise verschlossen. | Trainiert die vollständige Eigenatmung. Die Verschlusszeiten werden nach ärztlicher Vorgabe langsam gesteigert. |
| 4. Platzhalter | Einsatz einer kleineren Kanüle oder eines Platzhalters (Button). | Hält das Tracheostoma, also die Öffnung am Hals, offen, falls vorübergehend wieder eine Kanüle nötig sein sollte. |
| 5. Entfernung | Nach ärztlicher Freigabe wird die Kanüle endgültig gezogen. | Das Tracheostoma kann sich von selbst schließen oder wird chirurgisch verschlossen. |
Wer entscheidet über die Entfernung der Kanüle?
Die Entscheidung liegt ausschließlich in ärztlicher Hand. Typischerweise begleiten spezialisierte Stellen diesen Prozess:
- Weaning-Zentren (Spezialkliniken zur Beatmungsentwöhnung)
- Fachkliniken für Trachealkanülenmanagement
- Erfahrene HNO-Ärztinnen und HNO-Ärzte sowie Lungenfachärztinnen und Lungenfachärzte
Was Logopädie und Physiotherapie beitragen
Bevor die Ärztin oder der Arzt entscheidet, arbeiten meist mehrere Fachleute eng zusammen. Logopädinnen und Logopäden testen die Schluckfunktion mit gezielten Reizen und trainieren die Kehlkopfhebung. Die Atemphysiotherapie hilft parallel dabei, die Atemmuskulatur zu kräftigen und das Abhusten von Sekret zu erleichtern.
Die Rolle der Pflegekräfte und Angehörigen
Pflegekräfte beobachten die betroffene Person im Alltag intensiv und dokumentieren jede Veränderung. Diese Beobachtungen sind eine wertvolle Entscheidungshilfe für die Ärztin oder den Arzt. Eine eigenständige Entscheidung oder Anpassung der Verschlusszeiten darf die Pflege jedoch nicht vornehmen. Das gilt auch für Angehörige.
Gesetzlicher Anspruch: Die Potenzialerhebung
Nach § 37c SGB V und der Richtlinie zur außerklinischen Intensivpflege ist eine regelmäßige Prüfung vorgeschrieben. In der Regel muss mindestens alle 6 Monate ärztlich untersucht werden, ob eine Entwöhnung von der Beatmung (Weaning) oder eine Dekanülierung möglich ist. Für einige Fälle gelten Ausnahmen.
Checkliste für Angehörige: Wichtige Fragen an die Arztpraxis
Sie müssen die medizinische Lage nicht selbst bewerten. Sie können aber dafür sorgen, dass die Frage geprüft wird. Nehmen Sie folgende Fragen zum nächsten Arztgespräch mit und notieren Sie sich die Antworten:
- Wann fand die letzte Potenzialerhebung statt und was war das genaue Ergebnis?
- Sehen Sie aktuell eine Chance für einen schrittweisen Entwöhnungsversuch?
- Welche körperlichen Voraussetzungen, zum Beispiel Hustenkraft oder Wachheit, müssen sich noch verbessern?
- Sollte eine logopädische Untersuchung für das Schlucktraining hinzugezogen werden?
- Wäre die Überweisung an ein spezialisiertes Weaning-Zentrum oder eine Fachpraxis sinnvoll?
Wie die häusliche Pflege unterstützt
In der häuslichen Intensivpflege begleiten qualifizierte Pflegekräfte den Prozess im gewohnten Umfeld. Sie setzen die ärztlichen Vorgaben genau um. Sie überwachen die Vitalwerte beim Entblocken oder Verschließen der Kanüle und führen ein lückenloses Protokoll.
Kommt die betroffene Person gerade aus der Klinik? Dann stimmt unser Entlassmanagement die Pflege zu Hause schon vorher mit der Klinik ab.
Was passiert, wenn ein Dekanülierungsversuch fehlschlägt?
Sollte ein Versuch abgebrochen werden müssen, etwa weil die eigene Atmung noch nicht reicht oder zu viel Sekret entsteht, ist das kein Rückschlag von Dauer.
Ein Abbruch schützt die Gesundheit der betroffenen Person. Er zeigt lediglich, dass der Körper zu diesem Zeitpunkt noch mehr Zeit oder gezielte Therapie braucht, zum Beispiel Logopädie oder Physiotherapie. Spätestens bei der nächsten Potenzialerhebung wird neu bewertet, ob ein weiterer Versuch sinnvoll ist.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wächst das Tracheostoma nach dem Ziehen der Kanüle von selbst zu?
Oft kann sich die Öffnung am Hals nach dem Entfernen der Kanüle von alleine zusammenziehen. Das Stoma wird dabei mit einem luftdichten Wundverband versorgt, den die betroffene Person beim Sprechen oder Husten leicht abdeckt. Sollte der Kanal nicht vollständig zuwachsen, kann er durch einen kleinen chirurgischen Eingriff verschlossen werden.
Kann eine Dekanülierung auch komplett zu Hause stattfinden?
Das kann möglich sein, wenn eine Fachärztin oder ein Facharzt den Ablauf plant und begleitet. Außerdem muss eine spezialisierte außerklinische Intensivpflege vorhanden sein. Der Behandlungsplan wird dabei eng zwischen der behandelnden Fachärztin oder dem behandelnden Facharzt, der Logopädie und dem Pflegedienst abgestimmt.
Was unterscheidet einen Platzhalter von einer Trachealkanüle?
Ein Platzhalter (Tracheostoma-Button) ist ein kurzes Röhrchen, das lediglich den Hautkanal (das Stoma) offenhält, aber nicht tief in die Luftröhre reicht. Er erleichtert das eventuelle Wiedereinsetzen einer Kanüle, falls das Atmen ohne Unterstützung noch zu anstrengend ist.